
Inhaltsübersicht
Klassisches Leistungsverständnis
Beispiele für verschobene Leistung
Klassisch versus verschoben (Tabelle)
Leistung gilt in Organisationen seit Jahrzehnten als etwas scheinbar Eindeutiges:
Im beginnenden KI-Zeitalter gerät dieses Bild ins Rutschen. Das liegt nicht daran, dass Menschen plötzlich schlechter arbeiten, oder zu wenig, zu oft im Homeoffice chillen oder Quiet Quitter sind, sondern weil sich die Bewertungslogiken verschieben.
In diesem Beitrag schaue ich mir an, wie sich das klassische Leistungsverständnis verändert und warum viele kluge, engagierte Fach- und Führungskräfte genau an dieser stillen Verschiebung ins Straucheln geraten.
In der klassischen BWL bezeichnet Leistung das Ergebnis betrieblicher Tätigkeit: den Output an Gütern oder Dienstleistungen, der aus dem Einsatz von Ressourcen entsteht. Dieser Output wird gemessen – in Mengen (Stückzahlen, Fälle) oder in Werten (Umsatz, Erlöse).
Leistung steht dabei immer im Verhältnis zu zwei Kriterien:
• Effektivität (Zielerreichung)
• Effizienz (Ressourceneinsatz).
Im Management wird daraus ein klarer Steuerungskreislauf: Ziele setzen, planen, umsetzen, messen, kontrollieren.
Leistung ist in diesem Modell eindeutig zurechenbar zu Personen, Rollen oder Bereichen.
Mit dem Einsatz von KI verändert sich dieses Modell; bei den meisten bislang unbewusst.
Typische Symptome:
• Hohe Aktivität, steigender Einsatz, aber abnehmender Einfluss oder unsicherer werdender Marktanschluss.
• Die Person optimiert sich selbst (mehr Leistung, mehr Sichtbarkeit, mehr Qualität), während sich die Bewertungs- und Steuerungslogik des Umfelds verändert.
• Entscheidungen „von oben“ (z.B. Umbauten, Rollenstreichungen) wirken überraschend und ungerecht, weil die verdeckte Verschiebung im Leistungsverständnis nie explizit adressiert wurde.
Gründe:
Leistung entsteht zunehmend in Mensch–Maschine-Koproduktionen. Sie ist weniger individuell zurechenbar und verteilt sich auf Systeme, Teams und Infrastrukturen. Immer mehr Menschen arebeiten mit KI, viele Messungen wandern in IT-Infrastrukturen ab, Prozess-Controlling übernimmt Teile bisheriger Menschen-Leistung usw.
Gleichzeitig verschiebt sich der Bezugspunkt:
Weniger die einzelne Handlung zählt als die Passung der Rolle im Gesamtsystem:
Je mehr Selbstentscheidung, Orts- und Zeitautonomie und souveräne Arbeitsweisen in den Firmen Einzug halten, desto mehr Komplexität entsteht, und desto stärker hängt das Ergebnis davon ab, dass die immer zahlreicher werdenden Einzelfaktoren stimmig ineinandergreifen. Dass Reibung moderiert wird, dass Konflikte selbständig gelöst werden, dass viel vorausschauender als früher gearbeitet werden muss, ist zwingend. Das weißt aber niemand an.
Diese Situation, in die alle hineinschlittern, die niemand „ansagt“, die aber geradezu automatisch entsteht (weil das System es erfordert), führt zu einem grundlegenden Problem: Die Leistung sinkt nicht, aber sie wird anders gelesen.
Sie muss anders gelesen werden, denn ihr Zustandekommen ist völlig anders als früher.
Viele Fach- und Führungskräfte reagieren jedoch auf Unsicherheit wie gewohnt:
mehr leisten, sichtbarer werden, sich weiterentwickeln.
Das ist nachvollziehbar, geht aber an der neuen Realität vorbei.
Denn das Problem liegt ja meist nicht in der Leistung selbst, sondern in der veränderten Bewertungslogik der Rolle. Bei allen Beteiligten bleibt die jedoch eine ganze Zeit lang unbewusst.
Führungskräfte
Liefern stabil gute Ergebnisse, während reale Einflusszonen in neue Gremien oder Datenstrukturen abwandern. (Horizontale Macht entwickelt sich unsichtbar, weil wir alle nur auf vertikale Macht geeicht sind.)
Gründer
arbeiten operativ immer intensiver, die Firma wächst – obwohl ihre Rolle längst strategisch neu definiert werden müsste. Intern lösen die Leute das dann auf ihre Weise -> die Gründerrolle fängt an zu schlingern.
Coaches
steigern die Qualität ihrer Arbeit, während Nachfrage und Marktanschluss instabiler werden. Und fragen sich, was sie falsch machen. (Gar nichts. Sie scannen nur ihre Wirkstruktur nicht.)
In allen Fällen zeigt sich das gleiche Muster:
Hohe Aktivität trifft auf sinkende Passung. Die Reaktionen sind alle plausibel, aber sie orientieren sich an einem Leistungsverständnis, das auf stabilen, vertikal getriggerten Systemen beruht.
Das Umfeld hat sich jedoch bereits verändert: Bewertungslogiken, Machtachsen und Marktmechanismen folgen längst anderen Regeln.
Leistung verschiebt sich von klar zurechenbaren Einzelergebnissen hin zur Passung von Rollen in komplexen Systemen. Das klingt höchst akademisch, ist jedoch extrem konkret.
Entscheidend ist weniger, wie viel jemand leistet als
wie gut diese Leistung zur aktuellen Systemlogik passt.
Wer diese Logik nicht in Betracht zieht, läuft Risiko, am System vorbeizuleisten. Viele Leistungsprobleme sind deshalb inzwischen eigentlich Deutungsprobleme.
Die Arbeit ist gut, folgt aber einer Logik, die das System bereits verlassen hat.
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