Berufswegeplanung

Warum Trendbeobachtung heute nicht mehr reicht

Warum Trendbeobachtung heute nicht mehr reicht

Inhaltsübersicht

Vermeintlich vernünftig

Warum das so lange funktioniert hat

… und warum jetzt nicht mehr

Die praktische Folge

Konsequenz


Für Zukunftsbeobachtung gelten seit Jahrzehnten allgemeingültige Regeln. Die zentrale: Wer die Zukunft verstehen will, muss Trends beobachten. Klingt vernünftig; und zwar so sehr, dass man das nicht mehr hinterfragt.

Vermeintlich vernünftig

Früher hat das funktioniert. Wir haben gesehen, dass etwas wächst – eine neue Entwicklung, ein Trend formt sich –, und dann ist man mitgewachsen, wie bei Kindern. Oder Immobilienpreisen.

Heute beobachten wir mehr Trends als je zuvor: Megatrends, Gegentrends, Metatrends, Mikrotrends, eigentlich fehlt nur noch der Trend zum Trend.

Das Problem ist: Je mehr wir beobachten, desto weniger verstehen wir. Man könnte sagen, wir haben die Zukunft im Blick, nur leider bewegt sie sich inzwischen schneller als unser Blick. Das erzeugt Drehschwindel, aber kein Urteilsvermögen.

Warum das so lange funktioniert hat

Früher war die Welt stabil genug, um sie von außen zu betrachten. Man selbst stand fest, alles andere hat sich bewegt.

Das ist ein angenehmes Modell. Es hat 70 Jahre lang funktioniert und uns Wohlstand und Wachstum beschert. Wir haben gelernt: Man selbst bleibt gleich, nur die Welt verändert sich.

Die Leserin wird genug Leute kennen, die genau das unbegrochen anwenden („Die Welt ist verrückt geworden“, „Man weiß kaum noch, wo oben und unten ist“, „Es blickt doch keiner mehr durch“ usw.).

Also schaut man andauernd hin, erkennt „Muster“, nennt sie Trends und fühlt sich klüger als der Rest.

Das funktioniert immer noch erstaunlich gut - solange, bis man merkt, dass man selbst Teil der Bewegung ist.

… und warum jetzt nicht mehr

Heute verändert sich nicht nur die Welt, sondern auch der, der sie beobachtet. Das klingt harmlos, wahlweise auch „akademisch“ (Lieblingsvokabel von Unternehmer:innen), aber das ist es nicht. Man könnte das wissen: Namen haben wir genug dafür (Zeitenwende, Transformationsgesellschaft, Disruption usw.), nur mit der situativ angemessenen Reaktion darauf hapert‘s.

Denn plötzlich ist nicht mehr klar, ob man einen Trend erkennt, oder ihn nur deshalb mitbekommt, weil sich das eigene Fundament verändert hat und man nun anders schaut. Und einen die Ahnung beschleicht, dass andere Kräfte auf einen einwirken als bisher; daher die veränderte Wahrnehmung.

Unsere Beobachtung: Die meisten investieren geistig viel, um übersehen zu dürfen, dass die Umfeldentwicklung ihre eigene Position verschiebt. Das ist normal und menschlich: Wir haben Dauer-Transformation. Jedes Geschichtsbuch beschreibt solche Phasen.

Man unterschätze jedoch nicht die geistige Energie, die das erfordert; die kontinuierlich mitläuft. Den Aufwand, die alte Perspektive aufrechtzuerhalten, entgegen vieler zunehmender Alltags-Intuitionen. Das ist ein wichtiger Grund, warum die Zeitläufte gerade so anstrengend sind.

Das Problem ist nicht, dass sich alles verändert; in der alten Beschreibung wirkt das nur so (daher der mentale Drehschwindel). Das Problem ist, dass es keinen festen Punkt mehr gibt, von dem aus man sagen könnte: „Das hier ist Veränderung“.

Und den gibt es bis auf Weiteres auch nicht mehr.

Das ist nicht dramatisch, man sollte bloß seine Perspektive anpassen. Auf Dauer kann niemand eine kontinuierliche Kalibrierung durchhalten.

Die praktische Folge

Wir werden immer besser darin, die Welt zu analysieren und immer schlechter darin, uns selbst einzuordnen. Die Tools sind beeindruckend und werden fast exponenziell besser; KI erkennt Muster, prognostiziert Entwicklungen, findet Zusammenhänge, die wir übersehen würden.

Also glauben wir: bessere Analyse führt zu besseren Ergebnissen.

Das ist naheliegend; im alten Weltbild nennt man das „logisch“.

Real gilt: Es ist falsch und unlogisch, weil: unterkomplex. Es benutzt einfach weiter die alte Perspektive und wundert sich, warum alles so „ver-rückt“ erscheint. Dabei ist gar nichts ver-rückt, wir passen bloß unseren Blick auf die heutigen Ereignisse nicht an. Und dann fehlt die Passung – das ist das Ver-rückte.
Beispiele:

• Eine Prognose ist korrekt, aber sinnlos (die Situation gibt’s bereits gar nicht mehr). Ver-rückt.

• Die Leistungsdaten einer Person werden besser und ihre KPI-Projektion ist zutreffend, sie läuft trotzdem immer stärker an der Wertschöpfung der Firma vorbei. Sie ist nicht mehr so wichtig wie früher. Ver-rückt.

• Das Szenario für künftiges Kundenverhalten ist faktisch gedeckt, realisiert sich aber nicht. Die Kunden verhalten sich nicht gegenteilig, sondern anders. Das hat oft viel mit sich verändernden sozialen Umfeldern zu tun; mit plötzlichen Stimmungswechseln im eigenen Milieu. Ver-rückt.

Alles das sind Einschätzungen für Entwicklungen, die eines nicht tun: Die Struktur, aus der heraus sie beobachten und projizieren, in die Projektion mit einzupreisen.

Wenn sie das tun würden, würde die Prognose weniger genau, aber vom Ansatz her sehr viel valider, realistischer und erfolgswahrscheinlicher.

Man könnte auch sagen: Wir sehen immer genauer, was passiert, nur nicht mehr, wo wir selbst dabei stehen. Und die KI hilft uns dabei: Schließlich denkt sie exakt von dort aus, wo wir sie hingestellt haben.

Konsequenz

All das führt dazu, dass Menschen durchaus kluge Außenanalysen machen und trotzdem falsch reagieren. Sie sehen den Wandel, aber sie sehen nicht sauber, wie sich ihre eigene Position darin, von der aus sie entscheiden, bereits verschoben hat.

Für biographische Planung (ob beruflich oder privat) ist das brisant.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr nur, was da draußen passiert, sondern auch – und zuerst –, ob ich meine eigene Rolle darin erkenne und unter Kontrolle habe. Erst wenn das klar ist, entsteht wieder eine belastbare Grundlage für Entscheidungen.

Früher konnte man sich auf seinen Standpunkt verlassen, heute muss man ihn erst einmal bestimmen.

Die gute Nachricht: Das ist mittlerweile ein Detail. Daten können wir. Wir haben die Technologie, damit das jeder für sich umsetzen kann, aber die Routine dafür - die muss erst mal einrasten.

Friederike Müller-Friemauth
Friederike Müller-Friemauth
macht persönliche Lagebeurteilungen für die Langfrist-Planung

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