REIHE BEISPIELE: Wie geht echte Transformation in Wirtschaft und Politik?

Worum geht's?

Wir haben uns kürzlich mit Aspekten der wirtschaftlichen, politischen und geistig-wissenschaftlichen Transformation beschäftigt (Beitrag, Video). Diese besteht nicht etwa aus neuer Fehlerkultur, Grundeinkommen und mehr Exzellenzclustern, sondern aus einem substanziellen Wandel unserer westlichen Weltsicht in allen Sektoren, nicht nur in diesen dreien. Und unsere Leserschaft mosert: Gibt's dazu Beispiele? Wie hat man sich das vorzustellen? Macht das überhaupt schon jemand?

Warum kaum jemand Beispiele nennt (und kennt)

Leider ist das mit den Beispielen nicht so einfach: aufwändig, kompliziert und es dauert lang – das ist der Haken. Wieso? Zumindest der Grund ist einfach: Weil wir dazu die Beispiele (die es gibt!) aus dem nächsten Weltbild heraus »zurück«erklären müssen für unser heutiges Denken; denn sonst bleiben sie schlicht exzentrische Eintagsfliegen aus dem Kuriositätenkabinett. Das heißt, wir führen in der Erklärung Weltbilder parallel. Und wenn es etwas gibt, das unsere Kognition definitiv überfordert und diese deshalb systematisch zu verhindern sucht, dann ist das, Weltzugänge parallel zu schalten. Meist geht so etwas schief (Name: Psychopathologie). Aus Platzgründen daher nur zwei Beispiele. Führungskader mögen die ganze Diskussion übrigens nicht (akademisch! Theorie!). Genau deshalb haben wir keine Transformationsgesellschaft, sondern nur Transformationsdebatten. Ein Ende dieser Situation ist nicht in Sicht.

1. Wirtschaft

Das Beispiel kennt jeder: Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus gründete 1983 die Grameen Bank, die sogenannte Mikro-Kredite an die Ärmsten in Bangladesch verleiht. Dabei nutzte er das kulturell verankerte soziale Bindungssystem in asiatischen Ländern (Pflichtgefühl zur Rückzahlung, kasten- oder schichtenspezifische Ehre, Angst vor Gesichtsverlust usw.). Mitglieder sind Mit-Eigentümer, die Grameen Bank gehört also auch ihren Kunden.

Yunus und Bank sind aufgrund ethischer Fragen (darf eine Firma kulturelle Bindung »ausnutzen«?) sowie zweifelhafter Praktiken (Mitarbeiter sollen Kunden in Mikrokredite hineingedrängt haben) wiederholt in die Kritik geraten. Derlei schafft es im Westen, dass die Idee als solche sofort wieder aus dem Spiel genommen wird – eine bemerkenswerte logische Fehlleistung, aber auch die perfekte Selbstimmunisierung gegenüber geistigem Fortschritt. Uns interessiert hier nicht eine eventuelle kriminelle Praxis, sondern der ökonomische Grundgedanke von Yunus, und der ist eine echte ökonomisch-geistige Disruption. Was macht diese Bank?

Antwort: autologische Ökonomie

Wir brauchen ein anderes Wachstumsmodell, das den kapitalistischen Rahmen – zunächst und bis auf Weiteres – nicht sprengt (wir haben noch keinen Nachfolge-Rahmen). Dieses nächste Modell sollte zum Beispiel viel stärker qualitativ kalibriert sein als quantitativ, und eben dieser Mechanismus liegt hier vor. Der Gründer sieht soziale Verwerfungen aufgrund kapitalistischer Wirtschaftslogiken (Frauen bekommen keinen Kredit, Arme nicht, Bettler sowieso nicht – wegen betriebswirtschaftlicher Untragbarkeiten, denn die Ausfallsicherheit fehlt). Grameen gewährt nun Kredite genau jenen, die von der kapitalismusbedingten Exklusion zentral betroffen sind und nutzt zur Kompensation fehlender Ausfallsicherheiten einerseits die asiatische Sozialethik, andererseits, was das Geschäftsmodell selbst anbelangt, das ideelle Zentrum des kapitalistischen Systems selbst: den Zinseszins-Mechanismus. Auf einem Konto vermehrt sich Geld »von selbst« (zumindest in einer klassischen Verzinsungs-Ökonomie, die 1983 noch herrschte). Prinzip: Du wendest den Kapitalismus auf sich selbst an. (Auf schlau heißt solches Denken »Autologie«; das ist eine Logik, die ihren »Code« auf sich selbst »zurückkopiert«. Systemtheoretiker* kennen die Figur des »re-entry« - that's it.) 

Du bekämpfst Armut aus dem Herzen des kapitalistischen Systems heraus, das diese Armut versursacht, indem du Armen Geld leihst, auf dass sie Geschäfte machen, die die Wirtschaft ankurbeln, während die Bank durch den Kredit-Zins Geld verdient und zunehmend mehr Kredite an Arme (Frauen, Bettler...) verleihen kann. Ein perpetuum mobile, das den Kapitalismus an genau der Flanke angreift (korrekter: anfängt umzumodeln, in eine andere Richtung zu lenken), an der er den größten Schaden anrichtet. Wenn dieses Prinzip systematisch entwickelt würde, bestünden reelle Chancen, den Kapitalismus in seiner eigenen Logik derart zu überformen, dass am Ende etwas anderes dabei herauskommt. Selbstverständlich, es wird sich immer um ein Entwicklungs- und Wachstumsprogramm handeln, aber um eines, das – möglicherweise, das ist die Vision – irgendwann die Balance wahren kann. Die Balance von arm-reich, oben-unten, Natur-Technik, Tier-Mensch-Pflanze ... Das herauszufinden wäre der ökonomische Job. Wir sehen hier am Horizont die vage Idee eines Post-Kapitalismus heraufdämmern, der sich möglicherweise selbst in Schach halten kann. Das könnte der Nachfolge-Rahmen sein.

So, verehrte Leserinnen und Leser, geht wirtschaftliche Transformation, konkret und praktisch. Ein Bankenbeispiel ist deswegen so instruktiv, weil der Finanzsektor das ›Auge des Orkans‹ der kapitalistischen Funktionsweise darstellt. Da sich auf diesen geistigen Job aber niemand bewirbt, dürfen Sie das alles getrost gleich wieder vergessen: Im Land der Dichter und Denker möchte derart kompliziertes Zeugs weder jemand ersinnen noch hören. (Übrigens, interessant dazu: Der Wikipedia-Artikel über die Bank - wie aus dem interkulturellen Lehrbuch. Hier würden „mit Gruppendruck (!) Mikrokredite an Menschen ohne Einkommenssicherheiten“ vergeben; offenbar eine Art Finanz-Scientology 4.0. Wer will denn sowas? - So funktioniert westlicher Synapsensuizid. Wahlweise auch über ein Downgrading radikaler Ideen auf spezielle Zielgruppen oder Wirtschaftszweige, Stichwort »Social Business«. Intellektuelle Verzwergung können wir gut, und immer auch: Moral.)

Wer sich einen persönlichen Eindruck vom »Großen Manipulator« Yunus verschaffen möchte, hier ein Ausschnitt (Schweizer Fernsehen 2008, daher schlechte Qualität).



2. Politik

Auch die politische Transformation ist extrem kompliziert und fordernd. Hier nur eine Facette: Wir haben in ersten Teilen der Bevölkerung postfaktische Weltbilder (Eliten seien beispielsweise von Echsen durchsetzt, die abends unter die Erde gehen und Kinderblut trinken). Eine politisch-transformatorische Frage lautete: Wie erreichen wir diese Menschen? Wie stellt Politik den systemischen Grundkonsens sicher - inzwischen richtiger formuliert: ›wieder her‹ -, ohne den staatliche Legitimitätsbeschaffung ihren Sinn verliert (weil Sinn anfängt mehrdeutig auseinanderzumäandern)? Die Leserin ahnt schon: Hier wird’s auch nicht einfacher.

Was sagen die Politiker*? »Wir müssen den Menschen besser zuhören.« »Wir müssen unsere Programme besser erklären.« »Wir brauchen mehr Hilfen und Unterstützung, damit das Umdenken erleichtert wird.« (Also Verhaltensökonomik, Nudges, Priming & Co. Dafür zuständig ist seit Jahren die Abteilung »Wirksam regieren« als Kanzler-Stab, in dem sich Psychologen derlei ausdenken.)

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Tiefenmanipulation als Zukunft des Regierungshandelns

Ob das Querdenker & Co. überzeugt? Ich stelle mir vor, wie eine Querdenkerin auf solche Anzeigen reagiert und sich - sofern sie sich bisher noch nicht für Verschwörungstheorien interessiert hat – spätestens jetzt anfängt zu fragen, ob der staatliche Manipulationssumpf, für den einige aus ihrer Querdenker-Gruppe gestaltwandlerische Echsen verantwortlich machen, nicht womöglich viel tiefer ist als sich das alle vorstellen können. Soll heißen: Wenn man den Kitt der Gesellschaft, die Beziehungs- und Bindungsenergie unserer kulturellen Gemeinschaft, effektiv und strategisch zersetzen will, dann muss man zum einen Banalitäten verbreiten (›wir hören jetzt mal alle ganz konzentriert zu‹), und zum anderen die staatliche Manipulationsmaschinerie anwerfen und dafür fleißig öffentlich Leute anwerben. So geht derzeit Politik 21. 

In Beispiel-Alternativen gewendet: Fragt jemand nach den Gefühlslagen, die die Echsen-Gläubigen dazu verleiten, Eliten überhaupt für Echsen zu halten (Abstiegsangst, Deklassierungsangst aufgrund „ungezügelter“ Migration, generative Sorgen – ›was soll aus meiner Tochter mit ihrem Realschulabschluss werden?‹ -, wie wird die eigene Rente mal aussehen, womöglich trotz zweier Parallel-Jobs, wieso redet niemand über die Individual-Kosten der ökologischen Wende, wie soll das mit meiner Miete weitergehen...)? Dass ausgerechnet »Führungs«kader substanzielle Sorgen und Bedürfnisse der Bevölkerung offenbar gar nicht mehr in der Lage (oder willens?) sind wahrzunehmen, spricht nicht gerade für deren Menschlichkeit. Gesetzt aber, eine solche Sensibilität praktizierten die Verantwortlichen: Wäre das politische Systems überhaupt in der Lage, strukturell etwas umzustellen, um diesen Bedürfnissen und Gefühlslagen zu entsprechen? In welchen institutionellen Settings sollten und könnten solche Korrekturen laufen? (Wahlen sind dafür ein viel zu grobschlächtiges Instrument = »mit Kanonen auf Spatzen schießen«, und auch mehr Partizipation ist erst einmal nur ein Prinzip und noch keine institutionelle Umordnung.) 

Und so weiter. Beispielhafte Fragen, die auf der Hand liegen, aber niemand stellt; von Antworten ganz zu schweigen. Sozialer Wandel im Blindflug - wir warten ab, was passiert.

Fazit

Substanzielle, gehaltvolle Beispiele und Ideen zu nicht bloß behaupteter, sondern praktizierter Transformation gibt es. Sie laufen jedoch dem überbordenden Denkentlastungsbedürfnis des Westens diametral zuwider. Dieses Bedürfnis produziert, je länger es dauert, umso dramatischere Erosionen des Fundaments unserer Gesellschaften; erste Gruppen entfernen sich vom Systemkonsens. Diese Abbrüche finden wirtschaftlich, politisch und geistig-wissenschaftlich statt. Es lässt sich derzeit nicht erkennen, dass – außer Floskeln und logischem Unsinn – unsere »Führungen« dazu etwas beizutragen hätten (die BuTaWa wäre eine passende Gelegenheit gewesen). Der Claim für das übergroße, populäre Deckmäntelchen für dieses Versagen lautet: »Einfache Lösungen gibt es eben nicht mehr«. Hier befinden wir uns dann im Basislager des öffentlichen Diskurses, im bestens gedeihenden, wild-wüchsigen Lebensraum der neunmalklugen Madame ›Komplexität‹.

Unsere Vermutung zu der Dame lautet, dass ihr wissens-adeliger Name für bloß Kompliziertes benutzt wird, auf das gerade keiner erpicht ist (»wenn die Trauben zu hoch hängen und die Anstrengung des Pflückens zu groß erscheint, nennen wir's einfach ›komplex‹ «). Heutzutage ist bekanntlich alles komplex – jedenfalls alles, für das wir keine Lösung haben. Und das klingt in jedem Fall besser als: »Wir haben keine Ahnung. Und derzeit definitiv auch keine Lust«.



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